11. April 2012

Der Zettel hing immer noch, mit einer Stecknadel befestigt, da. Ich richtete mich auf und riss ihn von der Wand, als ich auch schon meinen Namen las. "Charlie.." So begann der Brief. "Ich werde dir ein Packet schicken in dem alles was mich an dich erinnert enthalten sein wird. Denn nichts soll mich noch an dich erinnern! Warum hast du nie gemerkt wie unheimlich wichtig du mir bist? Die Person, die mein Leben lebenswert machte." Die Tränen, sie liefen. "Und dann hast du mich verlassen. Bist zu deinen Pflegeeltern gegangen. Charlie, wieso hast du der Adoption zugestimmt? Warum bist du nicht bei mir geblieben? Ohne dich konnte ich das hier einfach nicht packen! Du hast mich im Stich gelassen. Allein gelassen. Und das, obwohl ich dir doch so wichtig sein sollte. Mein Vertrauen zu dir beträgt nicht mal mehr die Hälfte, wie es all die Jahre war. Diese starke Bindung zwischen uns ist im Arsch. Und du bist Schuld. Und das ist es, was ich die ganze Zeit gedacht habe und auf dem Herzen hatte. Der Kuss? Tja, was kam da über mich? Ich dachte vielleicht rettet es die Situation. Ich stelle dir so viele Fragen, tut mir Leid. Letzendlich wirst du sie mir nicht beantworten können. Ich bin schließlich weg. Weißt du auch wo? Ja, ich weiß es auch nicht. Ich habe mir vorgenommen etwas rumzureisen. Ich habe das ganze Geld der Anstalt mitgenommen, wird früher oder später einer merken, aber wer wird mich deshalb schon zur Verantwortung ziehen. Naja, ich bin dann mal weg. Ich wünsche dir alles Glück dieser Welt, trotz all der Vorwürfe die ich dir grad' aufgetischt habe. Ich liebe dich, und ich liebe dich wirklich. Johannes" Völlig verheult und mit dem Zettel in der Tasche verließ ich das Heim. Jeder auf der Straße sah mich an. Habt ihr alle noch nie jemand weinen sehen? Ich machte mich auf den Weg in den Park. Zu der Bank auf der sich der Kuss und der Abschied abspielte. Als ich ankam sah ich, dass dort bereits jemand saß. Ich wartete hinter einem Baum bis er aufstand und in meine Richtung wegging. Ich ging auf die Bank zu. Ich stand direkt neben dem jungen Mann, als er seine Hand auf meine Schulter legte. Ich drehte meinen Kopf zu ihm und sah ihn verwundert an. Plötzlich merkte ich wer dieser Mann war. Diese blauen Augen werde ich nie vergessen. Johannes! Ich starrte ihn an, mit offenem Mund und roten Augen. Die Tränen erschwerten es mir, ihn wirklich sehen zu können. Er sah mich an, einfach an. Ich fiel ihm um den Hals. Er stand nur da, seine Arme hingen an seinem Körper runter. Aber das war mir egal, ich drückte ihn und hielt ihn solange fest, bis er mich von sich löste und leicht beiseite schubste. "Charlie.." Er wollte etwas sagen, aber ich fiel ihm ins Wort. "Du verdammter Idiot! Wie konntest du so einfach abhauen? Wie konntest du mir das antun? Siehst du das? Siehst du das? Siehst du wie fertig ich bin? ich habe den Brief aus deinem Zimmer gerade erst gelesen. Denkst du wirklich so schlecht von mir? Wenn du Probleme mit mir hast oder mit Dingen die ich tue, hätten wir reden können! Nein! Stattdessen verpisst du dich einfach und lässt mich hier verrotten? Sowas nennt man heute also Freundschaft?" Ich war sauer und weinte während ich aussprach was ich dachte. Es war mir egal ob es ihn verletzte. Es musste raus, er sah mir dabei nur tief in die Augen. Ich fuhr fort. "Was willst du eigentlich hier? Du wolltest doch rumreisen. Man, verpiss dich! Was sollte das? Weißt du wie sauer ich bin? Man!" Ich wurde immer lauter. Ich zog den Zettel aus meiner Jackentasche. "Hier hast du deinen bescheuerten Abschiedsbrief wieder, hau ab!" Der Brief lag nun auf dem Boden, vor seinen Füßen und ich wollte gerade davon maschieren, als er mich am Arm festhielt und zu sich zurück zog. "Lass es mich doch verdammt nochmal erklären!" Er sah traurig aus, sah mir flehend in die Augen. Sollte ich nach dieser Ansage jetzt noch nachgeben? "Bitte Charlie." Er nahm meine Hand und zog mich zu der Bank. Ich sah ihn nur an, traurig, sauer. Beides auf einmal. "Ich bin abgehauen, ja. Und es tut mir Leid. Es tut mir Leid das ich dich allein gelassen habe. Ich war egoistisch, habe nur an mich gedacht. Aber ich habe selbst gemerkt wie scheiße es mir ohne dich geht und ohne die Hilfe vom Heim bin ich gar nicht klargekommen. Ich hab jetzt 3 Wochen unter irgendeiner Brücke gepennt. Ich bin am Arsch, Charlie." "Johannes, du versinkst grad in abgefucktem Selbstmitleid, merkst du selbst, oder? Weißt du. Ich dachte wir wären beste Freunde. Dann kommt dieser Kuss, der scheinbar alles ruiniert hat und dann lese ich diesen Brief, in dem steht, was du wirklich von mir hälst. Du musst ja ein echt schlechtes Bild von mir haben. ich will dich und dein Leben nicht weiter belästigen. Tut mir Leid." Ich stütze meine Arme auf meinen Knien ab und beugte mich nach vorne. Es ging alles so schnell. Er stand auf, riss mich hoch und tat es schon wieder. Er küsst mich. Länger, leidenschaftlicher und noch viel schöner als beim ersten mal. "Wann verstehst du denn endlich, dass ich deinetwegen wieder hier bin?" Er sah mir so tief in die Augen wie noch nie und meine Knie wurden weich. Er hielt mich fest in seinen Armen und küsste mich wieder. Ich wusste nicht wie lange es so ging. Wir standen einfach da, lagen uns in den Armen und küssten uns. Es war einer der schönsten Momente in meinem Leben. Er nahm meine Hand und wir schlenderten durch den Park. "Johannes, jetzt mal ehrlich. Was denkst du von mir?" Mich hatte dieser Brief wirklich nicht kalt gelassen und ich musste es einfach wissen. "Ich liebe dich, Charlie. Ich habe dich immer geliebt, aber du bist so jung. Verdrängen ging nicht mehr, dafür war ich viel zu sehr mittendrin. Deshalb wollte ich es mir und dir einfacher machen und abhauen. Und achja, der Brief. In dem steht nur irgendeine scheiße, um es dir leichter zu machen, mich zu hassen und zu vergessen. Hat scheinbar nicht so gut geklappt." Er lächelte und rieb sich mit der Hand über den Nacken. 

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